Die Sache mit der Rangordnung

Gerade sagte wieder jemand, dass eine Katze sich unterworfen hat, weil sie sich auf den Rücken gedreht hat. Dieser Irrtum ist immer noch recht weit verbreitet, weil man ja diese Unterwerfungsgeste von Hunden kennt: Der Hund dreht sich auf den Rücken und präsentiert seine Kehle. Damit zeigt er, dass er wehrlos ist und sich unterwirft.

Und was zeigt eine Katze damit? Dass sie wehrhaft ist und bereit, sich zu verteidigen. Denn in dieser Position hat sie alle ihre Waffen, also Zähne und Krallen, frei. Für den Gegner ist es sehr schwer, eine solche Katze anzugreifen.

Übrigens zeigen befreundete Katzen diese Geste auch spielerisch, wenn sie Spaß an einer zünftigen Kabbelei haben. Auf jeden Fall aber hat dies absolut nichts mit Unterwerfung zu tun.

Tatsächlich sind von Katzen keinerlei Unterwerfungsgesten bekannt. Was die Frage aufwirft, wie sie denn dann die Rangordnung klären. Wie gibt eine Katze der anderen zu verstehen "Okay, Du bist der Chef, ich unterwerfe mich Dir"?

Die Antwort: Gar nicht! Wenn eine Katze in einem Kampf mit einer anderen Katze unterliegt, bewegt sie sich in Zeitlupe aus der Gefahrenzone, und wenn die obsiegende Katze sozial kompetent ist, lässt sie das auch zu. Wenn diese beiden Katzen sich das nächste Mal begegnen, ist die Chance hoch, dass es wieder zu einer Auseinandersetzung oder sogar zum Kampf kommt.

Katzen kennen aber durchaus Beschwichtigungsgesten. Ein Wegschauen, ein langsames Blinzeln kann in brenzligen Situationen deeskalierend wirken und einen Kampf verhindern. Das bedeutet allerdings nicht, dass die blinzelnde oder wegschauende Katze die Auseinandersetzung verloren hat. Das bedeutet nur, dass sie kein Interesse an einer Auseinandersetzung hat. Keiner der beiden ist deswegen ranghöher oder rangniedriger.

Gibt es denn dann überhaupt eine Rangordnung bei Katzen?

Das lässt sich weder klar bejahen noch klar verneinen. Der große Katzenforscher Paul Leyhausen hat geschrieben, dass es eine starre Rangordnung im klassischen Sinn nur bei den sog. Bruderschaften gibt. Als Bruderschaften bezeichnet er feste Gruppen von nicht kastrierten Katern, die sozusagen gemeinsam um die Häuser ziehen und die Gegend unsicher machen.

In allen anderen Konstellationen von Katzenbeziehungen ist es so, dass es eine Art temporäre Rangordnung gibt, das heißt unter bestimmten Umständen ist die eine Katze überlegen, unter bestimmten Umständen die andere. Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen:

Bei Hauskatzen, die draußen Reviere besetzen, ist es so, dass jedes Revier ein Kerngebiet hat und ein mitunter sehr weitläufiges Streifgebiet. Die Streifgebiete von Revieren, die benachbart sind, überschneiden sich stellenweise, ganz besonders dann, wenn es viele Katzen in der Gegend gibt.

Mit Hilfe von Urinmarkierungen schaffen es die benachbarten Revierinhaber, eine Art Fahrplan aufzustellen, wer sich wann im überlappenden Bereich der beiden Reviere aufhalten darf. Studien und Freilandbeobachtungen haben ergeben, dass diejenige Katze, die sich zur falschen Zeit in diesen Zonen aufhält und dort auf die Katze trifft, die sich sozusagen ordnungsgemäß dort aufhält, automatisch unterlegen ist. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, welche Katze stärker ist oder früher in Kämpfen obsiegt hat. Die Katze, die zur falschen Zeit am falschen Ort ist, unterliegt also fast immer automatisch.

Ich sage deshalb gerne, dass sich bei Katzen alles um die Revierfrage dreht und nicht um irgendeine Rangordnung. Das gilt bei Wohnungskatzen ebenso. Die alles entscheidende Frage ist: Wem gehört das Revier?

Auseinandersetzungen bei Katzen drehen sich dann auch um eben diese Frage, jedenfalls bei kastrierten Katzen. Und anders als bei Rangordnungsstreitigkeiten ist es den Katzen oft nicht möglich, eine Klärung herbeizuführen. Da brauchen Katzen dann unsere Unterstützung. Wie die aussehen kann, kannst Du zum Beispiel in dem Artikel Beziehungspflege für Katzen nachlesen.

Foto: ©wip-studio/Adobe Stock

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